Samstag, 23. Juli 2011

Auf der Straße nach Dijon

Tapisserie de Dijon Digital ID: 107928. New York Public Library Meine Mutter beginnt eine Liebesaffäre. Trällert vor sich hin. Wenn ich sie dabei erwische, wird sie rot und kichert. Sie hat viele Jahre im Kirchenchor gesungen. Dadidadamm. Eine schöne Altstimme, von der nichts geblieben ist als eine viel zu hohe Kopfstimme, mit der sie die Melodien anstimmt.

Seit ein paar Tagen singt sie "Auf der Straße nach Dijon". Klein Madlene ging spazieren / wide ralla wide ro / und sie pflückte roten Mohn (pflück - pflück) / auf der Straße nach Dijon.

Ein spätes Deflorationsliedchen. Sie will gefallen. Meiner Liebe entkommst Du nicht. Das ist ihre Botschaft. Wenn ich spätabends Licht in ihrem Zimmer sehe und die Tür öffne, strahlt sie vor Wonne und jauchzt: "Komm in meine Arme!"

Dann kann ich nur noch fliehen.

Samstag, 16. Juli 2011

Uhrwerkzement

"Mundschenk!" 07:15-07:45h
"Den restlichen Tee kannst Du bitte in die Küche stellen!" 07:45h
"Kannst Du mir bitte die Tropfen geben?" 09:30h
"Was wirst Du denn heute kochen?" 10:30h
"Ich kann nicht mehr." 00:00-23:59h
"Machst Du bitte das Fenster zu?" 13:00 und 18:00h
"Machst Du uns denn gleich bitte einen Kaffee?" 15:00h
"Ich kann nicht mehr. Ich geh ins Bett." 17:30h
"Machst Du mir denn bitte noch ein Bütterken?" 18:00h
"Gute Nacht! Schlaf Du auch gut und habe schöne Träume." 19:00h



Dass dann "mein" Tag beginnt, dass er erst fünf Stunden später endet, diese Idee erreicht sie nicht. Im Uhrwerk ihrer Routinen gibt es die Welt da draußen nicht. Sie nimmt sie schon wahr. Durch die Zeitung. Die stündlichen TV-Nachrichten. Besonders schrecklich das ZDF-Morgenmagazin, am schrecklichsten, wenn Frau Hayali und Herr Jobatey moderieren. Genauso so schrecklich, wenn ein ehemaliger FAZ-Redakteur mit der Nachrichtenlage kuschelt. Das ist mein Zeitfenster des frühen Morgens, an dem ich Facebook-DJ spiele, unter den dicht abschließenden Kopfhörern die Musiklieferungen von Thomas Said, Henri, Pseu und Freunden aus aller Welt probehöre, dann dringt nur der Ruf nach dem Mundschenk durch, der ihr die nächste Tasse Tee einschenken möge, wofür sie selbst zu schwach ist. Gleich nach meiner Ankunft habe ich ihr eine neue große Teekanne gekauft. An die bin ich morgens gekettet. "Mundschenk!"

Im Uhrwerk wohnt ein freundlich bekleideter Befehl, der keinen Widerstand duldet. Meine Frage, ob es Zweifel daran geben könne, dass gleich der Kaffee auf dem Tisch stehe, das Bütterken ans Bett gebracht werde, erreicht sie nicht. Der Zweifel, das Fatamorganagefühl, dass diese Person an ihrer Seite ruckzuck wieder weg und sie wieder allein sein könnte, dieser Zweifel ist groß.

Neunzehn Jahre verwitwete Einzelhaft haben ihr Uhrwerk zementiert. Die darin gewachsene Unruhe ist unstillbar.

Bild von simpologist mit creativ commons-Lizenz

Mittwoch, 13. Juli 2011

Feeling Good

Sag: Schlaf gut!

Die Feinheiten sind schwer zu begreifen.
Mutter, die immer ein Freigeist war, hat nun unzählige Rituale, deren Wert nur ermessen kann, wer selbst hinreichende Kämpfe gegen die Angst gekämpft hat. Zuweilen werden die neuen Gewohnheiten zum Rufen der Sirenen auf Kirkes Insel. Eine der hartnäckigsten ist die Sache mit dem Abendgruß.
Irgendwann weint sie, als ich ihr nach dem gemeinsamen Fernsehen (steht hoch oben auf der Ritualliste, noch vor ihrer Lieblingsspeise von McDonalds, die sie ideenreich RibBurger nennt) "Schlaf schön!" hinterher rufe.
"Sag schlaf gut! Sag schlaf gut!" fordert sie bekümmert. Erst da verstehe ich, dass Worte am Ende des Lebens noch wichtiger sind als zu Beginn. "Schlaf gut!" wünschen wir uns nun stakkato, nachdem das Lampenritual vollbracht ist: Es-werde-Licht, selbst an gleißenden Sommerabenden, um Punkt 20 Uhr 30. Es kommt kurz vor dem Ritual Teilst-du-mir-Hundefutter-zu, Bestellen-wir-denn-heute-endlich-Pizza oder Bringt-der-Junge-gleich-noch-die-Ware-runter. Fehlt eins, fehlen alle. Mangeltage, die ein schwarzes, tödliches Seelenloch provozieren. Heute ist Mutter traurig. Wir haben gestern das Alle-essen-zusammen-und-sind-eine-Familie-Ritual ankündigungslos übergangen. Dabei fühlten wir uns frei wie die Brüder Wright. Sie verliert beim Fernsehen kein Wort darüber. Bevor sie aber das Ich-schaff-die-Treppe-heute-wirklich-nicht-Ritual erledigt, schaut sie verloren den Raum zwischen sich und da draußen an. "Gestern hat keiner Schlaf gut! gesagt," stellt sie sachlich fest. Ihr Gesicht zieht sich zu einem winzigen Punkt zusammen. Machen wir uns nichts vor. Rituale sind die Landkarte. Garantiescheine, um auch am nächsten Morgen heil wieder aufzuwachen.

Fluchtgedanken

Gestern hatte ich ein eigenes Problem. Das ist heutzutage für Menschen wie mich beileibe keine Selbstverständlichkeit mehr. Meist habe ich andere Schwierigkeiten, da ich hauptberuflich die Probleme meiner Mutter verwalte. Diesmal jedoch ging es um meine Beziehung, die ihr nicht wirklich passt. Obwohl sie den Mann mag. Aber niemand ist nun mal leider mein Vater. Der seinerseits ruht seit Jahren unter Stiefmütterchen, friedhofsdunklen Koniferen und einem winzigen japanischen Ahorn, den ich gepflanzt habe. Und wird wiederum von einem namenlosen Gärtner verwaltet. Vater hat deshalb auch keine Probleme mehr. Zumindest keine sichtbaren. Mutter beobachtet seinen Konkurrenten, den Mann, den ich ihr mit aufdrängte, als ich mich für sie entschied, mit Argusaugen. Dabei tarnt sie sich geschickt. Lediglich eine zitternde Unterlippe oder ein zu schnell geschluckter Bissen der gemeinsamen Abendmahlzeit verrät, was sie denkt. Sie hat die spitze Zunge der frühen Jahre gezähmt - angesichts ständiger, unausgesprochener Fragen der Abhängigkeit von Töchtern kommt Kritik gar nicht gut. Zum Streiten wandern mein Freund und ich, aus Rücksicht auf ihre Gefühle und Trommelfelle, in diverse Cafés des Städtchens aus, die uns weder gefallen, noch das Flair vermitteln, das wir zur Beruhigung des losgelassenen Affengeistes brauchen würden. Dort hält man uns für eine buddhistische Theatertruppe, weil wir zwischen den Dezibelrekorden mit Begriffen wie "abhängiges Entstehen" um uns werfen. Am Ende kehren wir erschöpft heim zu ihr. Das hier ist anders als Berlin. Man muss sich nicht nur den Kellnern, sondern auch den greisen Erziehungsberechtigten erklären. Du tust mir so leid, sagt Mutter dann. Hattet ihr Streit? Ist alles wieder gut? Wenn nicht, könnte eine ganze Welt auseinander fliegen.Aber sie meint gar nicht mich. Und es fehlt auch ein Halbsatz. Korrekt würde es heißen: Du tust mir so leid, denn diesen Menschen da, den du unglaublicherweise liebst und der prima Fenster putzen kann, dreh wie du willst. Er wird doch niemals wie dein Vater! Das Beben des Triumphes am Boden ihrer Stimme ist dennoch nicht zu überhören. Eigentlich bewundert sie meinen Freund. Dafür, dass er ihre geliebte Wärterin in Schach hält. Ambivalenz ist das Bergwerk ihres Alters.
Schuften im Dunkeln. Bis zum Umfallen.

Sonntag, 10. Juli 2011

Ruf. Nicht. An.

Sie und mich verbindet eine endlose Telefongeschichte.
Früher lag es an 500 Kilometern Atemraum zwischen Berlin und Ruhrgebiet. Seit ich oben wohne, sorgen die Anrufe für brüchige Distanzen. Die Illusion, dass doch mehr als ein Blatt zwischen Mutter und Tochter passt. Solche Lügen sind uns Trickbetrügerinnen angenehm. Symbiose, ein fahl leuchtendes Schimpfwort. Der Versuch, uns zu entfernen und wiederzufinden, gleicht dem Irrsinn, damals, vor dem Umzug. Meine Nächte, Crashkurs in Überleben, bis zu zehn Anrufe vorm Morgengrauen. Es kam vor, dass ich nicht mehr abnahm. Ruhe war dennoch nie. Ich weinte, wenn mich Bilder plagten - von einem Paar alter Schuhe unter einem leeren Fensterbrett. Von Mutters nikotindunklen, fern wehenden Gardinen. Wie anklagend kann ein abgeschaltetes Handy aussehen? Aber sie hat sich selbst gerettet. Mal um Mal. Seit die Ärzte ihr befehlen, die Angst unten mit sich selbst auszutragen, ruft sie ab und zu minütlich an. Wenn es hell wird oder dunkel, wenn Türen zufallen. Bist du noch da? Du, ich, ihr Kind, Eigentum, Wärterin und Gefangene in einem. Weil sie mich versteht, hat Mutter eine List ersonnen. Ich wollte dir nur mitteilen, wie lieb ich dich hab, sagt sie am Handy. Sie weiß, ich werde nicht auflegen.

Samstag, 9. Juli 2011

Spiegelbilder

Die dritte Nacht in dieser Woche, in der ich zwischen drei und vier Uhr davon wach werde, dass ich meine Mutter nebenan sehr energisch reden höre. Tonfall, Redefluss und Pausen deuten darauf hin, dass es einen für mich nicht hörbaren Gesprächspartner gibt.

Zwischendurch kommt ein glockenhelles Lachen ins Spiel, als verwandelte sich die Situation in ein Telefongespräch mit einer ihrer Freundinnen. Mühelos wechselt sie ins Parlando, als wäre nichts gewesen.

Ich komme in ihr Zimmer und sie wechselt wieder den Ton. Schaff diese Alte raus, befiehlt sie mir. Im Zwielicht der Nachttischlampe erkennt sie ihr Spiegelbild nicht. Nein, es ist subtiler. Sie nimmt etwas wahr, das sie beunruhigt und ihr Angst macht, weil es nicht mit ihrem Selbstbild übereinstimmt. Ich kann sie dazu bewegen, sich wieder schlafen zu legen.

Mirror Lake, Yosemite Digital ID: 1690982. New York Public Library

Gestern ein kurzes Treffen mit J. in D. - ich schildere ihm meine Situation, versuche, sie als Training zu verstehen. Jetzt geht es nicht um höher, schneller, weiter. Jetzt geht die Reise nach innen, in die Tiefe, auf die Suche nach einer Balance, die ich im Schreiben finde.

Das Bild der Balance ist egoistisch. In der Mutter-Sohn-Dyade wächst in mir, was ihr verloren geht.

Angst macht es beiden.