Sonntag, 14. April 2013
Sonntag, 10. Juni 2012
Some day out there
Pieter Bruegel the Elder (1526/1530–1569) [Public domain], via Wikimedia Commons
About suffering they were never wrong,
The Old Masters: how well they understood
W. H. Auden
Sonntag, 4. September 2011
Die im Dunkeln sieht man nicht
Wir hatten Urlaub. Urlaub ist, wenn man an Brecht denkt.
Wenigstens jetzt. Wenigstens so. Mit Mutter. Sie schlief im Wohn-Küchen-Zimmer des Ferienhauses, auf der riesigen Bettcouch. Wir im Schlafzimmer im Doppelbett. Es bedeutete, dass sich vier Wochen lang ihre Präsenz in jede geheime Ecke stahl. Dass sie gestern, heute, morgen, nicht nach draußen wollte. Aus Wettergründen. Wegen Hitze oder Kälte. Dass die Jalousien (überall) in jedem unbeobachteten Moment heruntergezogen wurden. Dass ein ganzes Haus den Tag über im Dämmer lag. Mutter erträgt die Sonne nicht. Ich nehme an, dass Helligkeit sie an das erinnert, was sie nicht mehr fühlen will. Freude. Gleichzeitig begann schleichend die neue Marotte: "Wird es schon dunkel?" fragt sie voller Angst.
Morgens, mittags, abends.
Erst antworteten wir, wie man antwortet. Ja. Oder nein. Danach zogen wir die Jalousien hoch und erklärten, dass Dunkelheit kein Grund zur Furcht ist. Alles ganz normal. Sie variierte die Frage: Gibt es ein Gewitter oder wird es etwa schon dunkel? Haben sie Regen angesagt oder kann es sein, dass es schon dunkel wird? Es wird irgendwie schon dunkel, aber das ist wohl ganz normal? Soll ich nicht besser mal das Licht anmachen, bevor es dunkel wird?Seit wir wieder zuhause sind, ist sie besessen von Lampen. Abends, vor dem Fernsehen oben, werden rituell, heimlich und schnell alle verfügbaren Leuchten angeknipst. Nur, weil es ja schon dunkel werden könnte. Tagsüber brennt überall in ihrer geliebten, düsteren Wohnung unten sowieso jedes Licht. Wieso wird es so früh schon dunkel? Weil der Herbst kommt, Mama. Weil das Jahr zuende geht, das kennst du doch, du hast das 76mal erlebt. Kein Anlaß, sich aufzuregen.
"Ich mach mir solche Sorgen", sagte sie gestern, auf der Kante der Couch, und knetete ihre Finger. Worüber? "Dass ich mir solche Sorgen mache, weil es dunkel wird." Wie gesagt, Urlaub ist, wenn man an Brecht denkt. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.
Freitag, 19. August 2011
Ich Dussel
Vorgestern habe ich meine Mutter in die Neurologische Uniklinik gebracht. Ihre Schmerzen, ihr Parkinson, ihre Halluzinationen erfordern einen neuen Cocktail. Nach sieben Monaten an ihrer Seite fühle ich mich ausgebrannt, erschöpft, kapituliere vor einem état de siège, den ich mir in der Dramatik im Januar nicht vorstellen konnte.
Mit der seit wenigen Monaten sich beschleunigenden Reise in die Demenz gewinnen primäre Schutzinstinkte meiner Mutter Oberhand. Im Gespräch vorsätzlich schwerhörig, entwickelt sie aus der Ferne des Gestühls oder Betts einen akustischen Alarminstinkt, der jedes Geräusch, auch das allerleiseste augenblicklich wahrnimmt.
Hallo??? Wer dann nicht Laut gibt, ist verloren. Die Uhrzeit? Egal. Nachts um vier in die Küche gehen: Hallo? Mittags während ihres Nickerchens die Toilette aufsuchen - hallo? Die Wäsche wieder raufbringen: Ich heiße jetzt Hallo.
Kläre ich meine Mutter darüber auf, dass hinter den von ihr als Bedrohung wahrgenommenen Geräuschen ihr eigener Sohn steckt, der sich seit über sieben Monaten um sie kümmert, sagt sie: Ich Dussel.
Eben sah ich dieses Video, eine Probeaufnahme Josef von Sternbergs mit Marlene Dietrich für den Film "Der blaue Engel".
Bout d'essai Marlene Dietrich screentest von astre
Als der Film gedreht wurde, war meine Mutter acht Jahre alt. "Du Dussel" war eines der freundlichen Koseschimpfwörter ihrer Familie. Das Repertoire, ins Sediment gesunken, kehrt an die Oberfläche zurück, während andere Ichfunktionen abbauen.
Ich halte das nicht mehr aus. Als wir am Mittwochmorgen aufbrechen, fragt sie mich angstvoll, ob sie zurückkehren werde. Herzzerbrechend. Aber ich kann es nicht mehr. Nach der Klinik habe ich mit viel Glück eine zweiwöchige Kurzzeitpflege in der Nachbarschaft gefunden. In der Zeit suche ich nach einem guten Pflegeheim und werde mich von dem Stress der letzten Monate erholen. Hoffentlich.
Am Montag steht das abschließende Gespräch mit dem Neurologen auf dem Plan. Ich hoffe auf seine Hilfe. Sonst bin ich der Dussel.
Mit der seit wenigen Monaten sich beschleunigenden Reise in die Demenz gewinnen primäre Schutzinstinkte meiner Mutter Oberhand. Im Gespräch vorsätzlich schwerhörig, entwickelt sie aus der Ferne des Gestühls oder Betts einen akustischen Alarminstinkt, der jedes Geräusch, auch das allerleiseste augenblicklich wahrnimmt.
Hallo??? Wer dann nicht Laut gibt, ist verloren. Die Uhrzeit? Egal. Nachts um vier in die Küche gehen: Hallo? Mittags während ihres Nickerchens die Toilette aufsuchen - hallo? Die Wäsche wieder raufbringen: Ich heiße jetzt Hallo.
Kläre ich meine Mutter darüber auf, dass hinter den von ihr als Bedrohung wahrgenommenen Geräuschen ihr eigener Sohn steckt, der sich seit über sieben Monaten um sie kümmert, sagt sie: Ich Dussel.
Eben sah ich dieses Video, eine Probeaufnahme Josef von Sternbergs mit Marlene Dietrich für den Film "Der blaue Engel".
Bout d'essai Marlene Dietrich screentest von astre
Als der Film gedreht wurde, war meine Mutter acht Jahre alt. "Du Dussel" war eines der freundlichen Koseschimpfwörter ihrer Familie. Das Repertoire, ins Sediment gesunken, kehrt an die Oberfläche zurück, während andere Ichfunktionen abbauen.
Ich halte das nicht mehr aus. Als wir am Mittwochmorgen aufbrechen, fragt sie mich angstvoll, ob sie zurückkehren werde. Herzzerbrechend. Aber ich kann es nicht mehr. Nach der Klinik habe ich mit viel Glück eine zweiwöchige Kurzzeitpflege in der Nachbarschaft gefunden. In der Zeit suche ich nach einem guten Pflegeheim und werde mich von dem Stress der letzten Monate erholen. Hoffentlich.
Am Montag steht das abschließende Gespräch mit dem Neurologen auf dem Plan. Ich hoffe auf seine Hilfe. Sonst bin ich der Dussel.
Freitag, 29. Juli 2011
Ich wird ein Anderer
Vorgestern hat sie zum ersten Mal von sich aus davon gesprochen. Dass sie im Begriff sei, ihren Verstand zu verlieren. Welche Angst ihr das bereite. Wie verzweifelt sie sei. Wie ungewiss über die Zukunft. Mit dem bescheidenen Trost, darüber nachdenken, sich selbst beobachten zu können. Second order within disorder.
Der Zeitpunkt war unglücklich. Ein Freund hatte mir meine Post aus Berlin mitgebracht. Wir trafen uns für zwei Stunden, für ein schnelles Abendessen in D. Als ich zurück komme, sitzt sie reisefertig im Wohnzimmer. Wo wir denn blieben? Sie müsse nun ihre Wohnung verlassen. Oder ob es nicht möglich sei, noch etwas zu bleiben?
Mit Mühe beruhige ich sie, bewege sie dazu, ins Bett zu gehen. Lass mich nicht allein! Mit den Worten verabschiedet sie sich von mir.
Wie ein lautloses Thai-Longtailboot von Strand zu Strand, zu den vom Meer der Demenz angenagten Inseln ihrer Erinnerungen. Sie selbst ihr eigener Postgote. So nannte mein Vater den Briefträger. Ehrendes Andenken.
Sie hat eine erstaunlich akkurate Selbstdiagnose gestellt. In der milden Form ihrer späten Demenz (Lewy-Körperchen) gehen nicht alle kognitiven Funktionen verloren.
Ihr Ich wird nun ein Anderer.
Samstag, 23. Juli 2011
Auf der Straße nach Dijon
Seit ein paar Tagen singt sie "Auf der Straße nach Dijon". Klein Madlene ging spazieren / wide ralla wide ro / und sie pflückte roten Mohn (pflück - pflück) / auf der Straße nach Dijon.
Ein spätes Deflorationsliedchen. Sie will gefallen. Meiner Liebe entkommst Du nicht. Das ist ihre Botschaft. Wenn ich spätabends Licht in ihrem Zimmer sehe und die Tür öffne, strahlt sie vor Wonne und jauchzt: "Komm in meine Arme!"
Dann kann ich nur noch fliehen.
Samstag, 16. Juli 2011
Uhrwerkzement
"Mundschenk!" 07:15-07:45h"Den restlichen Tee kannst Du bitte in die Küche stellen!" 07:45h
"Kannst Du mir bitte die Tropfen geben?" 09:30h
"Was wirst Du denn heute kochen?" 10:30h
"Ich kann nicht mehr." 00:00-23:59h
"Machst Du bitte das Fenster zu?" 13:00 und 18:00h
"Machst Du uns denn gleich bitte einen Kaffee?" 15:00h
"Ich kann nicht mehr. Ich geh ins Bett." 17:30h
"Machst Du mir denn bitte noch ein Bütterken?" 18:00h
"Gute Nacht! Schlaf Du auch gut und habe schöne Träume." 19:00h
Dass dann "mein" Tag beginnt, dass er erst fünf Stunden später endet, diese Idee erreicht sie nicht. Im Uhrwerk ihrer Routinen gibt es die Welt da draußen nicht. Sie nimmt sie schon wahr. Durch die Zeitung. Die stündlichen TV-Nachrichten. Besonders schrecklich das ZDF-Morgenmagazin, am schrecklichsten, wenn Frau Hayali und Herr Jobatey moderieren. Genauso so schrecklich, wenn ein ehemaliger FAZ-Redakteur mit der Nachrichtenlage kuschelt. Das ist mein Zeitfenster des frühen Morgens, an dem ich Facebook-DJ spiele, unter den dicht abschließenden Kopfhörern die Musiklieferungen von Thomas Said, Henri, Pseu und Freunden aus aller Welt probehöre, dann dringt nur der Ruf nach dem Mundschenk durch, der ihr die nächste Tasse Tee einschenken möge, wofür sie selbst zu schwach ist. Gleich nach meiner Ankunft habe ich ihr eine neue große Teekanne gekauft. An die bin ich morgens gekettet. "Mundschenk!"
Im Uhrwerk wohnt ein freundlich bekleideter Befehl, der keinen Widerstand duldet. Meine Frage, ob es Zweifel daran geben könne, dass gleich der Kaffee auf dem Tisch stehe, das Bütterken ans Bett gebracht werde, erreicht sie nicht. Der Zweifel, das Fatamorganagefühl, dass diese Person an ihrer Seite ruckzuck wieder weg und sie wieder allein sein könnte, dieser Zweifel ist groß.
Neunzehn Jahre verwitwete Einzelhaft haben ihr Uhrwerk zementiert. Die darin gewachsene Unruhe ist unstillbar.
Bild von simpologist mit creativ commons-Lizenz
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